Für einen vollen Funktionsumfang müssen Sie JavaScript aktivieren!

Herkules:


Der erste Kasseler Herkules war ein Bad Emstaler Urgestein oder "Der große Stein von Martinhagen"

Ein simpler Radbruch ist möglicherweise schuld daran, daß der Herkules nicht aus Sandstein gehauen über Kassel wacht. Mit Recht könnte man dann heute behaupten, ein Bad Emstaler thront über Kassel. So aber hat der Sandstein seinen Platz “nur” in der Geschichte der Wilhelmshöhe, seinen Platz in der Literatur bekommen, und zwar unter dem Namen “ Der große Stein bei Martinhagen”. Welche Geschichte verbirgt sich dahinter?

Paul Heidelbach schreibt in “Die Geschichte der Wilhelmshöhe” 1908: “Durch irgendwelche Umstände und Personen wurde Landgraf Friedrich II., der Enkel Karls, auf einen merkwürdigen, zwischen Martinhagen, Balhorn und Sand liegenden Stein aufmerksam. Er plante damals, 1770, die Errichtung einer Statue seines Vorgängers, des Schwedenkönigs Friedrich I., auch sollte die Insel des großen Bassins in der Aue mit einer Kollosalstatue des Apollo geschmückt werden.”

1933 entdeckt Heidelbach dann in “Der Beobachter, Kasseler Blätter für Geist und Herz” von 1836 eine anonyme Abhandlung über den Stein, die es seiner Meinung nach verdient, “wegen ihrer Einzelheiten der Vergessenheit entrissen zu werden”. Dies ist veröffentlicht in: “Die Sonntagspost, Hessische Blätter für Heimatkunde, Wissenschaft, Kunst und Unterhaltung, 1933.

Hören wir uns einen Teil der Geschichte aus dem Jahr 1836 an:

“ Nahe bei Martinhagen, 4 Stunden von Kassel, im Amte Zierenberg, auf einer buschigen Wiese liegt fast an der Landstraße von Korbach über Naumburg nach Kassel ein sehr großer Stein - nicht so bekannt, wie er es verdient. Er ist 19 Fuß lang und 7 Fuß breit und dick, sein Inhalt beträgt 700 Kubikfuß und sein Gewicht fast ebenso viele Zentner. Die Masse zeiget einen sehr festen, feinkörnigen grauen Sandstein aus dem von Martinhagen eine Stunde entfernten Steinbruche bei dem hessischen Dorfe Balhorn, der schon über 100 Jahre die größten Quadersteine geliefert hat; große Paläste zu Wilhelmshöhe und Kassel sind daraus erbauet, und noch lange liegen darin für das Bedürfnis der Zukunft die gewichtigsten Massen zu Tage. Der Martinhager Stein ist in groben Umrissen schon zur Gestalt des Farnesischen Herkules (ganz so wie der kupferne Riese auf dem Karlsberge oder Winterkasten über der Wilhelmshöhe) bestimmt und ausgehauen. Da er seit etwa 120 Jahren ( also etwa seit 1716) im Freien lag und also, zumal in horizontaler Lage, allen Unbilden der Witterungen ausgesetzt war, so ist es begreiflich, daß er an vielen Stellen schon durch kleinere Höhlungen gelitten hat und in der ersten Schicht oder Decklage als verwittert anzusehen ist. Dieses wird jedoch der völligen Ausarbeitung der bestimmten Figur des Herkules nicht schaden, weil an dem Stein dafür noch Masse genug vorhanden ist. Wie, wann und zu welchem Zweck nun in der gegenwärtigen Gestalt dieser Riese bei Martinhagen so lange sein Ruhebett gefunden hat, darüber fehlen dem Referenten zwar amtliche Berichte und authentische Urkunden; gesammelte Mitteilungen, glaubwerte Sagen und wahrscheinliche Meinungen aber melden folgendes: ...” “ bestimmte der italienische Baumeister Guernieri diesen, im Balhorner Bruche gefundenen großen Stein zu der befohlenen Statue des Herkules als Schluß und Kunstkrone der Pyramide des Oktogons.”...

Im folgenden werden in der Abhandlung weitere Einzelheiten, vor allem um die Schwierigkeiten des Transportes behandelt. Verbrieft sind dann wieder Auseinandersetzungen um den Transport des Steines um 1770, die erhebliche Ausmaße annahmen.

“ Tatsächlich hatte nach einer noch im Marburger Staatsarchiv vorhandenen Akte, Landgraf Friedrich II. die Absicht, auf der Bassininsel der Karlsaue eine 18 Fuß hohe Apollostatue aufzustellen, und forderte im Februar 1770 von seinem, dem Oberbaudirektor du Roseh unterstehenden dem Obersten von Rohr, dem Kriegsrat Appel, dem Oberbaumeister Jussow dem Älteren ... einen Bericht, wie der große Stein bei Martinhagen nach Kassel geschafft werden können.”

Der Stein und das Problem des Transportes muß zu dieser Zeit ein wichtiges Thema gewesen sein, es sprach sich im Lande rum. Angebote, den Stein nach Kassel zu transportieren, kamen bis aus Sachsen, selbst Konstruktionspläne für das Fahrzeug sind nachvollziehbar. Für die Landbevölkerung war es ihr “Herklos”, der bis 1867 auf der Wiese liegen blieb. Die Kosten und der technisch nicht zu bewältigende Transport liesen das Projekt scheitern. Ein Einwohner von Martinhagen erstand dann diesen Stein, zerkleinerte ihn und verkaufte die Bruchstücke nach Kassel, wo sie beim Bau des “Traindepots” verwandt wurden.