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Die Sagen des Falkensteins:


Die Hunde:

Vor langer Zeit begegnete einmal einem Edelmann, dessen Lieblingsbeschäftigung die Jagd war, eine Frau mit einem großen verdeckten Korbe. Neugierig fragte der Edelmann, was sie in dem Korbe trüge. Sie antwortete: "Zwei Hunde, welche ersäuft werden sollen." Der Edelmann entgegnete darauf, daß er die Hunde sehen und behalten wolle, da er ein großer Freund von Hunden sei. Die Frau weigerte sich indessen hartnäckig, den Korb aufzudecken, weil es ihr bei Strafe untersagt sei. Endlich wollte der Edelmann Gewalt gebrauchen. Da deckte das Weib zitternd den Korb auf und zwei neugeborene schöne Knaben lächelten dem Edelmanne entgegen. Dieser ließ sie sogleich nach seiner Burg tragen und nahm sie, da er kinderlos war, an Kindes Statt an. Er schickte zu einem benachbarten Geistlichen und ließ ihn bitten, zwei junge Hunde auf seiner Burg zu taufen. Aber der Pfarrer lehnte solches Ansinnen mit Heftigkeit und Unwillen ab. Ein anderer Geistlicher machte es ebenso. Als er zu einem dritten schickte, vermutete dieser sogleich eine andere und eigene Bewandt­nis der Sache. Er kam und taufte die Knaben, welchen der Edelmann den Namen "Hunde" beilegte. Von diesen beiden Knaben, die sich später in allen ritterlichen übungen auszeichneten, stammte die bekannte adelige Familie der "Hunde" ab.

Der Pfarrer aber, der die Knaben taufte, soll der zu Metze gewesen sein, bei dessen Stelle sich noch ein Zehnten befindet, der "Hundezehnten" heißt.

Justi, Vorzeit, 1826, 170.

In der Gegend von Niedenstein wohnte in sehr alter Zeit ein reicher Edelmann, der fleißig auf die Jagd ging und daheim ein schönes, aber sehr stolzes Weib hatte. An einem Morgen, da die Edelfrau allein im Hause war, klopfte eine arme Frau, welche ein Kind auf dem Arme, ein anderes an der Hand hatte, und ein drittes unter dem Herzen trug, an die Tür und bat um ein Almosen. "Packt euch", rief die Edelfrau, "was braucht ihr armes Volk soviel Kinder zu haben, wenn ihr sie nicht ernähren könnt!" Die arme Frau wandte sich ab und sagte, indem sie ging:

"Möchten euch doch sieben auf einmal beschert werden."

Wirklich kam die Edelfrau nicht lange danach nieder und gebar sieben Knaben auf einmal. In der Angst ihres Herzens befahl sie ihrer Magd, sechs von ihnen in einen Korb zu tun und ins Wasser zu tragen, ehe ihr Mann nach Hause käme. Wenn unterwegs jemand frage, so solle sie nur sagen, sie habe junge Hunde im Korbe, welche ersäuft werden sollten, aber bei Leibe den Deckel nicht aufmachen.

Die Magd tat, wie ihr befohlen war. Allein das Schicksal wollte, daß der erste, dem sie begegnete, der Edelmann sein mußte, der ebenvon der Jagd heimkehrte.

"Was trägst du da in dem Korbe?" fragte er, und die Magd erwiderte verlegen: "Junge Hunde, welche die Herrin mir befohlen hat, ins Wasser zu werfen." "Laß mich die Hunde sehen", sagte der Edelmann. Mochte nun auch die Dirne Ausreden machen, sich sträuben, soviel sie wollte, sie mußte doch endlich den Korb öffnen. Wie erstaunte der Edelmann, als er statt der Hunde sechs gesunde Knaben er­blickte, welche die Ärmchen nach ihm ausstreckten und ihn mit ihren großen blauen Augen bittend ansahen. Er zwang der Magd das Geheimnis ab und ließ sie schwören, daß sie daheim erzählen solle, sie habe ihren Auftrag ausgerichtet.

Dann nahm er den Korb und ging ins nächste Dorf zum Pfarrer: "Wollt ihr mir sechs Hunde taufen?", fragte er den frommen Mann. Dieser entsetzte sich ob sol­cher Zumutung und schickte den Edelmann wieder fort. So ging es ihm auch beim zweiten. Der dritte aber, zu dem er kam, war der Pfarrer zu Metze, und dem mochte eine Ahnung von der Sache gekommen sein, denn er erklärte sich bereit, die Hunde zu taufen. Die Knaben erhielten alle den Beinamen "Hund" und dem Prediger zu Metze schenkte der Edelmann einen Zehnt, der noch heutigen Tages bei der Pfarre ist und der "Hundezehnt" heißt.

Die sechs Hunde gab der Edelmann einzeln in Pflege, sorgte aber dafür, daß sie stets ebenso gekleidet einhergingen als seine Frau den siebenten kleidete. Als sie nun herangewachsen waren, berief er sie eines Tages allesamt auf sein Schloß.

Die stolze Frau erschrak sehr bei ihrem Anblick, noch mehr aber, als der Edelmann fragte, was wohl eine Mutter verdiene, die sechs solcher prächtigen Jungen ins Wasser werfen lasse. Doch schnell faßte sie sich und erwiderte keck: "Die ver­dient in ein Faß mit Nägeln gesteckt und den Berg hinabgerollt zu werden !" "Nun wohl", sagte der Edelmann , "du hast dein eigenes Urteil gesprochen, denn das sind deine Kinder, die mir ein glücklicher Zufall vom Tode zu retten gestattete, welchen du ihnen zugedacht hattest." Und er ließ das Urteil vollziehen.