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Die Synagogengemeinde Bad Emstal – Riede:


Die Landsynagoge Riede

Ein baugeschichtliches Denkmal?

Vorbemerkung

Ende 2000 fand eine Ortsbesichtigung im Bad Emstaler Ortsteil Riede statt, bei der es u.a. um den Anbau des Hauses Elbenberger Straße 3 ging, in der sich sehr wahrscheinlich von ca. 1870 bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Synagoge befand.
Anwesend waren Dr. Haßengier, Prof. Dr. Klose, Bürgermeister E. Bräutigam, Bauausschuss W. Wehnes sowie der Verfasser.
Nach der Betrachtung und Erörterung weniger Details kann für diesen Anbau z. Zeit nicht das Prädikat “Denkmalschutz” vergeben werden, so Dr. Hasengier: “ich stütze mich auf das Schreiben der Frau Dr. Altaras, die für diesen Anbau als Synagoge Zweifel hegt”. (Anlage 1 - Frau Dr. Altaras ist Verfasserin der Standardwerke über Hessische Synagogen).

Anmerkung:

Weder die o.g. Besichtigung noch die Betrachtung von Frau Dr. Altaras berücksichtigte den Innenraum und die architektonischen Gegebenheiten. Der Kultur- und Geschichtsverein Bad Emstal, namentlich der Vorsitzende, möge weitere Belege für den Sachverhalt anführen, so das Ergebnis dieses Termins. Dies soll im folgenden geschehen.

Die Synagogengemeinde Riede

Ohne Zweifel existierte in Riede eine Synagogengemeinde bzw. nach dem Rechts- und Sprachgebrauch im 19. Jahrhundert, eine “israelitische” Gemeinde. Im Staatsarchiv Marburg lagern Akten (siehe Tabelle 1), die z. Teil vom Verfasser eingesehen bzw. abfotografiert wurden. So sind Akten über ein israelitisches Schulwesen, Listen der Bevölkerung, Beschwerden über den Zustand der Synagoge in Riede, Protokolle über die Verwaltung und des Rechnungswesens der Synagogengemeinde Riede u.v.a. mehr vorhanden.

Verzeichnis der im Besitz des Vereins befindlichen Materialien(Repros)

Quelle: Israelitische- Synagogengemeinde Riede (Staatsarchiv Marburg)

Inhalt

Kapitel

Thema/Überschrift

Anzahl der Fotos

I/1 bis I/7

Protokoll betreffend des israelitischen Schulwesens....im allgemeinen betreffend. 1837-1939

12

II/1 bis II/3

Beschwerde des Isaak Katz in Heimarshausen über die Ordnung in der Synagoge zu Riede. (1855-1859)

5

III/1 bis III/2

Liste der Bevölkerung zu Riede 1846

4

IV/1 bis IV/2

Beschwerde des Isaak Katz, Stand in der Synagoge Information

Kurfürstliches Hessisches Landrathamts zu Wolfhagen:

Von 638 von 649 zu Wolfhagen

Der Israelit Isaak Katz in Heimershausen stellt Nachstehendes ganz unterthänichst bittend an.

Beschluß: An den isrealitischen Gemeindeältesten zu Riede zu mindesten 14 tage zu erstattenden Berichte vertraglich der Rücksendung Wolfhagen 27.August 1855

... Landrathsamt
Lüdeltz

Nr. 270. d. V.
Ano: 1886/13

Vor ungefähr 10 oder 12 Jahren sollten die Juden in Lohne Kirchberg und Riede eine Gemeinde bilden, und ich in Riede, nach Bestimmungen unserer........ ich auf dem Sabath nur nach Riede gehen darf der Gemeinde Riede zugeordnet die selbe auch an Synagogen Gemeinde ...denn hier zuerst 10 Mann nöthig, ich besuche nur so diese Zeit die Synagoge in Riede und habe bis jetzt keinen Stand in derselben keinen Pult um meine Bücher und Mosesdecke aufzubewahren da ich dieselben nicht auf dem Sabbath tragen darf

Transliteration der Akte IV/1
2001 A. u. J. Siegmann

4

V/1 bis V/3

Protokoll die Prozeßangelegenheiten der Gemeinde Riede betreffend.(Zacharias vs. Gemeinde Riede)

4

VI/1 bis VI/9

Protokoll: des Schulwesens der israelitischen Gemeinde Riede betreffend. (1853 - 1863)

17

VII/1 bis VII/8

Protokoll die Verwaltung des Gemeindevermögens und des Rechnungswesens der Synagogengemeinde Riede betreffend. (1859 - 1924)

15

VIII/1 bis VIII/15

Protokoll die Bestellung der Gemeindeältesten ...Riede betreffend.

30

IX/1 bis IX/6

Überwachung der Juden und ihrer Gewerbebetriebe, sowie Beschlagnahmung jüdischen Eigentums; Untersuchungen über Plünderungen im Zuge der Judenpogrome des Jahres 1938

11

X/1 bis X/3

Sicherstellung der Personenregister der Synagogengemeinden des Kreises

1938 - 1939

5

XI/1 bis XI/6

Durchführung der Verordnung über die Anmeldung jüdischen Vermögens und Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben (Allgem. Verfügungen und Listen über jüdischen Grundbesitz im Kreise); Veräußerung jüdischen Grundbesitzes

1938 - 1939

12

XII

Negative

Der Verein ist zur Zeit leider nicht in der Lage, die gesamten Materialien zu transliterieren.

Volkszählungen im laufe des 19. Jahrhunderts belegen, dass über das gesamte 19. Jahrhundert hinweg immer ca. 30 Israeliten und mehr in Riede lebten. Dies erwähnt auch Krieger: ”Nach einer Statistik vom Ende des 19. Jh. bestanden im Kreis Wolfhagen in 12 Orten sieben Synagogengemeinden: z.B. ....in Riede 32, ...Seelen.”

Das Haus, in dem sich in Riede eine Synagoge befand, ist das heutige Haus in der Elbenberger Strasse 3, ehemals Haus: Hauptstrasse Nr. 16. Dieses Haus wurde 1910 veräußert, der Grundbucheintrag erwähnt explizit das “Haus Nr. 16: a) Wohnhaus mit Stall , b) Synagoge (B), c) Scheune mit Stall (A)”. Der Grundbucheintrag erwähnt außerdem folgende “Lasten und Beschränkungen”:

“So lange auf dem Grundstück das Synagogengebäude steht, dürfen in diesem Schweineställe nicht eingerichtet werden. Eingetragen am 20. Juli 1910 und umgeschrieben am 7. Mai 1982.” (Anlage 6)

Der derzeit erste Beleg ist eine Kartenansicht aus 1828, auf der das Haus Elbenberger Str. 3 dem Eigentümer Aaron Kanter zugeordnet ist. Aaron Kanter war ab 1835 bis 1840 “Gemeindeausschussmitglied”, was dem heutigen Gemeindevertreter entspricht. (Siehe auch Anlage 2). Dieser Aaron Kanter wohnte in eben diesem Haus Nr. 16: “Haus Nr.16 Dorfkarte Nr.56 Aron Kanter, besitzt einen Gemeindenutzen. Aron Kanter zahlt an Kontribution 5 Alb. 10 Hlr. Grundsteuer”.

In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts wendet sich Isaak Katz aus Heimarshausen an den Landrat in Wolfhagen mit einer Beschwerde, ihm doch einen Stand in der Rieder Synagoge zu einzuräumen. (Anlage 3)

Für das Jahr 1932 kommt Krieger nach seinen Recherchen zu der Vermutung: “Auch Balhorner SA-Männer werden vielleicht in der Pogromnacht des 9. Nov. 1932 die Synagogen in Naumburg und Riede angesteckt, jüdische Wohnungen und Läden verwüstet und jüdische Menschen gequält haben.” Ob Balhorner SA-Männer an den Pogromen beteiligt waren, ist hier nicht relevant, zumindest ist dies aber ein weiterer Hinweis auf die Existenz der Synagoge von Riede, die in den umliegenden Gemeinden sehr wohl bekannt war.

Über den Verbleib der Rieder Juden kann derzeit nur über sieben Personen etwas gesagt werden. Ein Beleg hierüber ist der Aufsatz von Michael Dohrs, wonach mindestens sieben gebürtige Rieder Juden Opfer der Nazizeit wurden.

Es handelt sich um:
Ferse, Hanette geb. Kander - Theresienstadt; Heinemann, Julius – Majdanek/Lublin; Heinemann, Nathan – Minsk; Kander Louis - Riga; Kander, Recha geb. Grünewald – Riga, Schlesinger Bernhard – Theresienstadt sowie Röschen Frankenberg geb. Kander (geb. 1880), die nach Meimbressen verheiratet war.

Synagogengebäude

Das Gebäude (Anlage 4) befindet sich als Anbau am Haus Elbenberger Strasse 3. Es ist von außen mit senkrecht verlaufenden Holzlatten versehen, deshalb erweckt es den Eindruck eines “Holzstalles”. Von innen sind die Gefache zum Teil noch verputzt, zum Teil ausgemauert. Auf dem Putz sind Farblinien in Brauntönen noch erkennbar. Der Fußboden ist zu Teilen noch mit Terrakottafliesen versehen. Die Grundmasse betragen 4,56 m mal 3,66 m. Es sind nach Osten, Westen und Süden jeweils ein Fenster vorhanden sowie eine von außen begehbare Tür. Der Synagogenanbau liegt direkt an dem Stallgebäude des Hauses . Nach einer Auskunft der Technischen Universität Braunschweig über Herrn Jens Siegmann, Bad Emstal könnte eine solche “Landsynagoge” für Deutschland einmalig sein (siehe Schreiben an den Gemeindevorstand vom 27. August 1999; Anlage 5). Diese sog. Landsynagogen haben mit Sicherheit zu tausenden im deutschen Sprachraum existiert. Aufgrund ihres Charakters, der Größe und baulichen Anbindung sind sie für den unbedarften Betrachter im Normalfall nicht zu erkennen. Sie wurden vielfach abgerissen oder werden unendeckt als Lagerschuppen u.ä. genutzt. Der Zustand des Raumes in Riede ist jedoch in großen Teilen noch authentisch und bedarf sicherlich einer genaueren Betrachtung. Siehe auch Bilddokumentation - Anm. d. Red.)

Zusammenfassung:

  • In Riede bestand über das gesamte 19. Jahrhundert eine Synagogengemeinde, wohnhaft in Riede waren über diesen Zeitraum etwa 30 Israeliten. Die Auflösung der Gemeinde beginnt im 20. Jahrhundert, möglicherweise mit dem Verkauf des Hauses Elbenbergerstrasse 3 in 1910. Die letzten in Riede lebenden Israeliten/Juden wurden Opfer des Nationalsozialismus.
  • Das Haus Elbenbergerstrasse 3, ehemals Hauptsrasse 16, gehörte bis 1910 der Familie Kanter. Ein Vorfahr, Aron Kanter war im 19. Jahrhundert Gemeindeausschussmitglied. Eine Synagoge ist im Grundbuch eingetragen.
  • Das Staatsarchiv Marburg beherbergt eine Menge Aktenmaterial über die Synagogengemeinde Riede.
  • Die Landsynagoge Riede könnte architektonisch und baugeschichtlich für Deutschland einmalig sein.