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Mittelalterliche Dorfwüstungen in der Gemarkung Bad Emstal:


Ortschaften, die vom Erdboden verschwunden sind und an die nur noch im Wald versteckte Ackerterrassen, alte Flurnamen, archäologische Funde oder in Urkunden überlieferte Ortsnamen erinnern nennt man Wüstungen. Siedlungen sind zu allen Zeiten errichtet und wieder aufgegeben worden. Während des Frühmittelalters (6. bis 10. Jh.) kam es zu einer Siedlungs-verdichtung in den altbesiedelten Becken- und Tallandschaften. Das fränkische Königshaus, geistliche und weltliche Grundherren strebten durch Rodungen und Landnahme nach wirtschaftlicher Erschließung der großen Waldregionen, um so ihre grundherrlichen Einkünfte zu steigern. Der starke Bevölkerungsanstieg im Hochmittelalter (11. bis 13. Jh.) führte zu einer beträchtlichen Ausweitung des Kulturlandes. Auch landwirtschaftlich nicht so ertragreiche Berglagen wurden durch Siedlungen erschlossen. Die niederhessische Senke war damals viel dichter besiedelt als heute.

Siedlungsverlagerungen und die Zusammenlegung von Höfen führten in der Mitte des 12. Jh. zur Aufgabe von Hofstellen. In der ersten Hälfte des 13. Jh. verließen die Dorfbewohner erstmals ganze Dorfstellen, ein regelrechter Wüstungsprozess setze ein. Er erreichte um die Mitte des 14. Jh. bis Anfang des 15. Jh. seinen Höhepunkt. Bis zu 40 Prozent der damaligen Dorfstellen wurde verlassen.

Die Ursachen dieses Wüstungsprozesses sind vielfältig. Eine wesentliche Rolle spielte die spätmittelalterliche Agrarkrise. Der Preisverfall des Getreides und steigende Preise für Gewerbeprodukte entzogen den dörflichen Bauern die wirtschaftliche Grundlage. Der Rückgang der Bevölkerung, der mit schweren Hungersnöten in der ersten Hälfte des 14. Jh. einsetzte und durch die Pestepidemien verschärft wurde, trug ebenfalls zum Wüstungsprozess bei. Die Höhenburgen verloren ihre Funktion, die zugehörigen Wirtschaftshöfe fielen wüst. Die Masse der kleinen und mittleren Adelsgeschlechter geriet durch die sinkenden Einnahmen aus Eigenanbau und Zinswirtschaft im Laufe des 14. Jh. in größere wirtschaftliche Schwierigkeiten. Sie mussten ihre Fronhöfe aufgeben. Hofstellen und kleine Weiler wurden durch die Einführung neuer Bodennutzungssysteme zusammengelegt. Schließlich wanderten immer mehr Menschen aus den Dörfern in die aufblühenden Städte ab, weil sie sich hier ein besseres und freieres Leben erhofften.

In der heutigen Gemarkung von Bad Emstal und ihrer unmittelbaren Umgebung kennen wir 19 Wüstungen, deren genaue Lage allerdings nicht in jedem Falle lokalisiert werden kann. Sie konzentrierten sich im Tal der Ems und in den Niederungen der ihr zufließenden Bäche. Es dürfte sich um kleine Weiler und zum Teil auch nur um einzelne Hofstellen gehandelt haben. Die schriftlichen Nachrichten über die mittelalterliche Besiedlung in unserem Raum fließen nur spärlich. Deshalb kann der Zeitpunkt der Gründung und der Aufgabe der einzelnen Siedlungen meist nicht ermittelt werden. Als ältestes, heute wüst gefallenes Dorf wird Mitte des 10. Jh. Almuthshausen erwähnt. Im 11. Jh. können wir einen deutlichen Siedlungsausbau feststellen. Hauptsächlich wurden die Dorfstellen im 14. Jh. aufgegeben. Einige bestanden bis ins 15. Jh. weiter.